MEDIEN, SCHULE und ADHS

Medien, ADHS und Lerntherapie, die in den Schulalltag hineinwirkt

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In „Lerntherapie“ steckt sowohl „Lernen“ als auch „Therapie“. 

Mit dem Begriff Therapie bin ich nicht immer ganz d`accord… Eine Therapie impliziert ja fast, dass vorher eine Krankheit oder zumindest eine starke Störung vorgelegen ist, die dann der Therapie bedarf. Und somit kann ich auch verstehen, dass manche Eltern deswegen „Therapie“ für ihr Kind scheuen. Manche Eltern haben lieber den Begriff „Lerncoaching“. 

Aber um genau zu sein, dies entspricht nicht unseren Vorstellungen. Denn die Lerntherapie geht viel weiter als Coaching. Ich persönlich fände den Begriff „Selbstfindung“ statt „Therapie“ ganz gut - den eigenen Lernweg selbst  zu finden- das macht Sinn. Und wir Lerntherapeut*innen geben dazu Hilfe zur Selbsthilfe. Mir fällt dazu ein schönes Beispiel ein:

Da war doch neulich der kleine Anton bei mir:  Der Anton war erst dreimal in der Lernwerkstatt und nur einmal habe ich mit seinem Lehrer gesprochen.

Aber manchmal dreht sich schon nach kurzer Zeit das Lernblatt, so sag ich mal, herum. Denn der Anton hat schon nach so kurzer Zeit selbst seinen Weg gefunden. Und es stand eigentlich sogar schon von seitens der Schule „im Raum,“ dass auch er, wie so viele andere auch, ein ADHS haben.

Stellt euch mal vor, im Kanton Neuenburg sind es nun schon tatsächlich 20% der Kinder, die Ritalin einnehmen… das ist doch crazy, da müssten es ja sogar mindestens 30% der Schüler sein, so habe ich mir überlegt, die diagnostiziert worden sind. Also das finde ich doch schon sehr erstaunlich, denn anno dazumal, so lange ist es noch nicht her - im Jahre 2018 hiess es bei unserer Ausbildung noch ganze 5% der Lernenden ungefähr hätten ein ADHS und seien betroffen…Wo sind denn da auf einmal die neuen 25% hergekommen, frage ich mich..?

Dass der der kleine Anton eine Rechenschwäche haben könne, das konnte ich mir ganz gut vorstellen und das wird auch noch abgeklärt werden. Aber dass da jetzt noch ein ADHS dazu kommen solle, ich weiß nicht, das konnte ich bei ihm nicht erkennen. Manchmal kommt mir vor, dass Beteiligte um das Kind herum das ganz gerne haben, wenn viel abgeklärt wird und Diagnosen gestellt werden. Denn dann gibt es ja als Lösung ein Medikament… damit die Kinder entweder ruhig gestellt werden oder, falls sie einen fehlenden Antrieb haben, bekommen sie eben ein antriebsstärkendes Medikament. Ja, so einfach ist das heutzutage und wer freut sich da dann vor allem auch? Genau, da freut sich die Pharmaindustrie.

Versteht mich nicht falsch, manchmal sind Medikamente wirklich eine grosse Hilfe für neurodivergente Kinder, die nur so eine Chance haben zur Gleichstellung bei der Bildung. Es kann also wirklich ab und ab eine sehr grosse Erleichterung sein sowohl für die Lernenden und ihr Lernumfeld. Aber eben auch nur manchmal. 

Jetzt bin ich aber abgekommen von dem, was ich eigentlich erzählen wollte:

Nun wieder zu dem kleinen Anton, also so klein ist er nun auch wiederum nicht, aber er ist doch noch Primarschüler und in der fünften Klasse und er kann sich nicht so gut konzentrieren im Unterricht. Laut Aussage der Lehrpersonen. 

Ja, aber schon merkwürdig…bei mir in der Lernwerkstatt kam er mir immer sehr sowohl engagiert als auch sehr konzentriert vor. Hmm, was kann da wohl vorliegen? 

Oft haben wir Lerntherapeut*innen schon eine Hypothese und gehen dann dieser nach. In diesem Fall war es mir rein rational noch nicht klar, aber ich habe mich, wie so oft, als weiblicher Sherlock Holmes auf den Weg gemacht, um herauszufinden, was denn mit dem Anton los sein könne…

Ich glaube, ich habe so beiläufig wie möglich dann den Anton gefragt:  „Duuu, sag mal, könnt ihr eigentlich auf euren iPads in der Schule auch „gamen“?“

Weil das war mir auch noch in Erinnerung aus dem Gespräch mit den Lehrpersonen, dass Anton mit dem iPad nicht gut umgehen kann und sich nicht auf seine Aufgaben konzentrieren würde. Was heißt eigentlich nicht gut umgehen, habe ich mich später noch gefragt. 

Also auf jeden Fall rutschte mir diese Frage nach dem „Gamen“ einfach mal intuitiv so heraus und Anton meinte daraufhin nur.  „Ja.“ 

Ich hab mich sehr gefreut über seine Ehrlichkeit. Dann wurde ich etwas nachdenklich und meinte, „oh ja und wahrscheinlich gamt ihr auch miteinander?“, daraufhin meinte der Anton nur wieder, „Jaa“. 

 Okay", sagte ich langsam, „das bedeutet ja auch ganz schön Druck oder? wenn du eigentlich deine Aufgaben machen möchtest, aber die anderen erwarten von dir, dass du mitspielst“…und ich weiter „das stelle ich mir manchmal schon sehr stressg vor!“

Und Anton sagte nur wieder einfach „Jaaa“.

 Aber dann, das war noch lustig, wurde er sehr eifrig, und sagte, er sässe aber recht günstig in der Klasse.Ich wurde natürlich neugierig und fragte, was das denn heissen „möge günstig zu sitzen“, und bat ihn, doch mal einen Sitzplan des Schulzimmers aufzumalen, damit ich sehen kann, wo sein Platz sei. Und sehr detailliert wurde nun ein Plan gezeichnet. 

Dann grinste er und meinte: „Schau“, (es ist lustig, er duzt mich) „schau, ich sitz ganz günstig hier, mehr so in der Ecke vorne, da kann man mich nicht so leicht sehen…!“

„Aha“, sagte ich, „das ist ja noch ganz praktisch“. 

Anton strahlte und sagte wieder nur „Jaaaa“. 

Danach sinnierte ich weiter, machte ein bedenkliches Gesicht und sagte zu ihm: „Ich erinnere mich noch gut an meine eigene Schulzeit, wenn ich da mal etwas heimlich gemacht habe… das war dann schon auch sehr nervenaufreibend. Und ich musste immer schauen, wo ist jetzt der Lehrer gerade war und hoffte andauernd, ich werde nicht erwischt. Irgendwie war das doch auch sehr anstrengend und stressig“, meinte ich dann zu ihm. 

Anton wurde nachdenklich und murmelte halblaut vor sich hin, ein langes, „Jaaaaaa“....

Okay, mittlerweile ist mir dann auch klargeworden, woher seine Unaufmerksamkeit herkam. 

Mir fiel dann auch noch das Gespräch mit einer anderen Lehrerin vor einiger Zeit ein, als ich sie gebeten hatte, wegen eines anderen Kindes, ob man nicht das Internet teilweise auch ausstellen könne, damit die Kinder ihre Aufgaben in Ruhe erledigen können.

 Die Lehrerin meinte damals, nein das das ginge nicht, das Internet auszustellen, der Kanton möchte das nicht. Es gäbe auch eine Begründung von diesem, nämlich, dass die Kinder selbst lernen sollen mit dem iPad umzugehen. 

Hmmm, interessant, dachte ich und sagte damals nichts. Aber nun dachte ich, also dieser Herr Kanton mit dem muss ich mal ein ernstes Wörtchen reden, denn mir kommt so vor, der hat noch nicht richtig verstanden wie Kinder eigentlich funktionieren. Ausserdem ist ihm vielleicht nicht so richtig klar, dass ja wir als Erwachsene eine Fürsorgepflicht haben und schauen müssen, wo Grenzen sind. Und wenn etwas einfach zu verführerisch ist, zu erwarten es nicht zu machen, das ist doch etwas kurzsichtig gedacht. Das schaffen ja nicht mal die Erwachsenen immer. Ich bin da eher der Meinung, das Internet von Kindern fernzuhalten zu bestimmten Zeiten. Ja, wo wohnt nur aber dieser Herr Kanton, damit ich mal mit ihm sprechen kann? 

Nun aber zurück zum Anton: Also, es gab ja anfangs die Überlegung, die Lerntherapie als Selbstfindung zu sehen ist, also für sich selbst seinen Lernweg zu finden. Und wir Lerntherapeut*innen geben die Unterstützung dazu.. 

Also ich kann euch sagen, der Anton hat wirklich dann selbst seinen Weg gefunden!

Denn kurze Zeit danach wurde mir berichtet, ich wusste nicht mehr, von seitens des Vaters oder des Lehrers, dass der Anton jetzt immer selbst sein iPad abgibt beim Lehrer und erstmal seine Aufgaben erledigt. Und wenn er dann fertig damit ist, dann erst holt er sich das Gerät wieder. 

Ganz schön klug dieser Anton, oder?!  Er möchte seinen vorherigen Stress nicht mehr, das hat er erstmal so für sich selbst erkannt. Und dass es ihm nicht gut geht, mit der Situation. Und dann klar für sich entschieden, dass er etwas ändern möchte. Und nun lässt er sich nicht mehr verführen von dem Gerät. Also Anton ist wirklich klüger geworden.

Aber der Kanton sollte nicht damit rechnen, dass wir als Lerntherapeut*innen immer den Dingen auf die Spur kommen, um dann entsprechende Hilfestellungen zu geben. Also, ich würde besagtem Herrn vorschlagen, sich noch mal Gedanken zu machen über das Alter von Kindern und deren Schutzbedürftigkeit.

Merci vielmals dafür!

 

LERNWERKSTATT im TURM

 W!L - Werkstatt für individuelles Lernen

Anja Christina Heinsius

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